OpenBazaar will das dezentrale eBay werden

OpenBazaar ist als Alternative zu Darknet-Schwarzmärkten entstanden – in Zukunft will das Open-Source-Projekt eBay und Amazon Konkurrenz machen.

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OpenBazaar ist als Alternative zu Darknet-Schwarzmärkten entstanden – in Zukunft will das Open-Source-Projekt eBay und Amazon Konkurrenz machen.

Bitcoin-Kekse und Viagra, Poker-Coaching, Magic Mushrooms, Comics, Medikamente und Sommerkleider, Simbabwe-Dollars, afrikanische Medizinpflanzen und Motherboards: Der Online-Marktplatz OpenBazaar wirkt wie ein wilder Flohmarkt, doch seine Macher verfolgen eine ambitionierte Mission. Die Open-Source-Software soll einen dezentralen, freien Handel ermöglichen – und eine Alternative zum klassischen E-Commerce bieten, den Großkonzerne wie Amazon, eBay oder Alibaba kontrollieren. Anfang November ist mit OpenBazaar 2.0 die überarbeitete Version der Software veröffentlicht worden, die das Tool mit Funktionen wie integrierter Bitcoin-Wallet und Suchmaschine nutzerfreundlicher macht.

Kein Mittler, keine Gebühren, keine Zensur von Produkten: „Es gibt keinen zentralen Server, der den Marktplatz kontrolliert, keine zentrale Organisation, keinen Middle Man“, sagt Sam Patterson im WIRED-Interview in Prag. Statt über eine zentrale Onlineplattform wird der Handel per P2P-Verbindung abgewickelt: „Man lädt die Software herunter und sie verbindet dich direkt mit anderen Personen, die das Programm auf ihrem Computer haben.“ Der 32-jährige US-Amerikaner ist Teil des Kernteams, das die Entwicklung des Open-Source-Projekts vorantreibt. „Dezentralisierte Marktplätze könnten in Zukunft eine signifikante Portion des Onlinehandels übernehmen – einfach, weil es das bessere System ist“, glaubt er.

Es dauert nur wenige Sekunden, selbst zum Händler zu werden und seinen eigenen Shop zu gründen: Man lädt sich die Software herunter, füllt ein überschaubares Profil aus und akzeptiert die übersichtlich gestalteten Nutzungsbedingungen – und schon lassen sich Waren einstellen. Im Fenster kann man mit Suchmaschinen nach Stichwörtern suchen oder Angebote durchforsten, die sich etwa nach Zustand, Bewertungen, möglichen Lieferzielen sowie nach dem Typ – physische Waren, digitale Produkte oder Dienstleistungen – filtern lassen. „Adult Content“ lässt sich auf Wunsch herausfiltern. Etwa 9000 Angebote listet die OB1-Suchmaschine aktuell.

Die großen Darknet-Schwarzmärkte stehen unter Beschuss. Aber wer steckt dahinter, und wohin entwickelt sich der anonyme Handel im verschlüsselten Internet? WIRED ist auf Spurensuche gegangen.

Die Ursprungsidee geht auf den Hacker Amir Taaki zurück, der eine zensurresistente P2P-Alternative zu zentralisierten Darknet-Schwarzmärkten wie dem legendären Drogenmekka Silk Road schaffen wollte. Im Herbst 2013 war es Ermittlern gelungen, Silk-Road-Chef Ross Ulricht festzunehmen, und die Plattform zu schließen, Festnehmen mehrerer Darknet-Dealer folgten. Sofort ging die Nachfolgerplattform Silk Road 2.0 online, doch auch die musste einen Rückschlag einstecken, als Angreifer über eine Sicherheitslücke im Februar 2014 von der Plattform verwaltete Bitcoins stahlen. „Alle vorherigen Darknet-Marktplätze hatten einen zentralen Schwachpunkt, sie hatten irgendwo einen zentralen Server und wer sich Zugriff auf diesen Server verschaffte, konnte den Markt kontrollieren oder schließen“, so Patterson. „Ein anderes Risiko für Nutzer war der Exit Scam, also dass die Person, die den Marktplatz betreibt, einfach mit dem Geld flüchten kann.“

Taaki und sein Team entwickelten bei einem Hackathon in Toronto einen Prototyp, den sie „DarkMarket“ nannten, im April 2014 veröffentlichten sie den Code auf Github – angepriesen als “the world’s fastest response to a govt takedown of digital markets”. Das Projekt sollte eine neue Generation von Darknet-Marktplätzen ermöglichen. “Die aus unserer Community, die sich für digitales Empowerment einsetzen, sind in einem Wettrüsten, um die Menschen mit den Tools für die nächste Generation von digitalen Schwarzmärkten auszustatten”, so Taaki bei der Präsentation des Projekts. Doch der umtriebige Hacker, der damals auch zusammen mit dem Open-Source-Waffen-Freak Cody Wilson an der aktuell nicht weiterentwickelten anonymen „Dark Wallet“ für Bitcoins arbeitete, verfolgte das Projekt nicht weiter.

Stattdessen griff Entwickler Brian Hoffmann die Idee kurz danach auf. Er kopierte den Code und nannte das Projekt in OpenBazaar um. Der neue Name sollte auch die neue Vision reflektieren: „Amir wollte explizit, dass DarkMarket die dezentralisierte Silk Road wird, Brian glaubte, dass die Idee von dezentralisiertem Handel nicht nur spannend für Nutzer von Darknet-Marktplätzen ist – sondern für alle“, so Patterson. Hoffmann, Patterson und Washington Sanchez bildeten das Kernteam für die Entwicklung des Open-Source-Projektes und tüftelten mit weiteren Freiwilligen fast ein Jahr lang neben ihren Jobs an OpenBazaar – dann wandelten sie das Projekt in einen Vollzeitjob um, gründeten die Firma OB1 und sammelten eine Million Dollar von Investoren wie Andreessen Horowitz und Angel Investor William Mougayar ein.

Ihre Firma OB1 will mit kostenpflichtigen Zusatzdienstleistungen und Tools für OpenBazaar Geld erwirtschaften: „Wenn es in Zukunft einen Massenexodus von den zentralisierten Plattformen zu dezentralen Systemen geben sollte, hätte man Millionen von Nutzern, für die man Zusatztools schaffen könnte“, hofft Patterson. Doch das Protokoll selbst bleibt Open Source, kostenfrei und ohne jegliche Kontrolle durch eine zentrale Institution: „Das Ziel ist nach wie vor ein Tool für wirklichen freien Handel zu bauen – ohne Restriktionen, aber auch ohne Gebühren“, so Patterson. „Sobald man irgendjemanden Kontrolle über die Plattform gibt, wird keiner mehr finanziell und generell frei sein.“

Im April 2016 wurde die erste Version der Software gelauncht, ein paar Hunderttausend Mal wurde sie heruntergeladen, in mehr als 190 Ländern. Vom ursprünglichen von Amir Taaki entwickelten Code ist dem OB 1-Team zufolge „kein Stück“ übriggeblieben. Mit der neuen, im November 2017 gelaunchten Version wurden einige Probleme behoben. Bisher sorgten etwa externe Suchmaschinen wie BazaarBay, BlockBooth oder Duosear.ch für einen Überblick über auf OpenBazaar angebotene Produkte. Jetzt erleichtern neue Suchfunktionen innerhalb der Anwendung die Auffindbarkeit von Produkten. „Die zweite Version der Software macht dezentralen Handel auch für durchschnittliche User zugänglich – aber vor allem haben wir Nutzer, die schon ein bisschen Erfahrung mit Kryptowährungen und ein bisschen technisches Verständnis haben“, so Patterson. Eine integrierte Bitcoin-Wallet erleichtert finanzielle Transaktionen – vor allem für Nutzer, die nicht so sehr mit Bitcoin vertraut sind. Durch die Integration von „Shapeshift“ können neben Bitcoin andere Währungen wie Ethereum oder ZCash genutzt werden.

Shops bleiben jetzt auch zugänglich, wenn der Betreiber seinen Laptop ausgeschaltet hat: „In der ersten Version musste man mit seinem Shop die ganze Zeit online sein, damit andere dazu Zugang hatten“, so Patterson. „Wenn du offline gingst, war dein Shop nicht mehr zugänglich, das ist keine besonders gute User-Experience.“ Durch ein IPFS-Network (Interplenatary File System) verteilen andere Shops die Daten von Offline-Shops wie deren Produktangebote und Fotos wie bei Bittorrent dezentral weiter, wenn sie diesen besucht haben – selbst wenn der Original-Shop gerade nicht online ist.

Eine zentrale Veränderung: OpenBazaar funktioniert jetzt auch mit Tor, so dass die IP-Adressen der Nutzer anonymisiert werden. „OpenBazaar war privat, in dem Sinne, dass alle Kommunikationen und der Traffic zwischen Nodes Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist, aber es war nicht möglich, dass Leute das Netzwerk mit Tor oder anderen Systemen, die Leuten mehr Privatsphäre geben, betreten können“, so Patterson. Nun können sich Nutzer entscheiden, ob sie den Handel mit oder ohne Zusatzschutz durch Tor betreiben wollen – dafür müssen sie aber auch einige Zusatzschritte betreiben. “OpenBazaar users are not anonymous by default” warnt die Nutzerbedingung. „Ob OpenBazaar ein Dark Market ist, hängt davon ab, wie man es nutzt“, so Patterson.

Verwandelt sich OpenBazaar nun also doch noch in den dezentralen Schwarzmarkt, von dem Taaki träumte, gerade jetzt, wo Ermittler reihenweise Darknet-Drogen-Plattformen wie AlphaBay und Hansa geschlossen haben und andere Plattformen durch DDoS-Attacken lahmgelegt wurden?

Was für eine Auswahl: Ein alter Wolverine-Comic direkt neben Kokain.

„Es sind noch sehr wenige Leute, die OpenBazaar mit Tor nutzen“, schränkt Patterson ein. Bei seiner letzten Analyse seien von etwa 6000 Nodes, die online gingen, nur etwa zwei Prozent der Shops Tor-Nodes gewesen. „Sicherlich gibt es aber Leute in der Community, die sich gerade fragen, ob OpenBazaar eine Alternative sein könnte, in Threads wird das oft diskutiert.“ Sein Team habe das OpenBazaar-Protokoll als „agnostisches, neutrales Tool“ gebaut, nicht primär als Marktplatz für illegale Waren – doch letztendlich bestimmen die Nutzer, ob OpenBazaar zum Nachfolger für Darknet-Plattformen wird. „Das Protokoll ist ein neutrales Tool“, so Patterson. „Wenn genug Leute sich dafür entscheiden sollten, dass es auf Darknet-User fokussiert ist, dann wird es über die Zeit zu einem Dark Market werden – aber bisher sind wir weit davon entfernt.“

Illegale Produkte wie Drogen finden sich jetzt schon in den Shops: Die Suchmaschine listet etwa „10 g El Chapo Cocaine“ zum Preis von 800 Dollar, auch Kokain, Ecstasy-Pillen im 10-er oder 200-er-Pack, Crystal Meth oder verschreibungspflichtige Medikamente wie Ketamin werden angeboten. Doch die illegalen Waren sind deutlich in der Unterzahl. „Die Mischung von Open-Bazaar-Produkten war immer etwa 95 Prozent „safe for work“ und fünf Prozent „not safe for work“ – und die meisten Güter im „not safe for work“ waren legale Güter, nur eben für Erwachsene, wie Pornografie oder Graphic Novels, die nicht für Kinder geeignet sind“, kommentiert Patterson.